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Saarbrücker Zeitung 14.03.2006
Wenn das Handy dem CD-Spieler Musik entlockt
"Dem IT-Gipfel müssen Taten folgen“

Saar-Forscher stellen auf der Cebit eine neue Multimedia-Software zur Vernetzung elektronischer Geräte im Haus vor

Scheer: Reden reicht nicht, sonst fallen wir weiter zurück

Die Cebit hat dem Multimedia-Projekt aus Saarbrücken in ihrem „Zukunftspark“ viel Platz zur Verfügung gestellt. Dort werden die Produkte von Morgen gezeigt: Saarländische Forscher sind ganz vorne mit dabei.

von SZ-Redakteur Udo Rau

Hannover. Ein echter saarländischer Schwenker steht im „Zukunftspark“ in Halle neun auf der Hannover'schen Cebit (9. bis 15. März), der weltgrößten High-Tech-Messe. Daneben Klapptisch und Sitzbank wie „dahemm“ im Garten. Hochtechnologie ist der Schwenker (ohne Grillfleisch) nun wahrlich nicht. Aber Bestandteil einer von Saarbrücker Forschern im „Future park“ („Zukunftspark“) der Cebit aufgebauten Wohnlandschaft: Der Hausherr sitzt im Garten beim geliebten Schwenker. Das Pils fehlt auch nicht. Eine Foto-Überwachungsanlage – gut 20 Meter entfernt – zeigt auf einem Display an, wer draußen vor der Tür steht. Hinlaufen und schauen, wer draußen steht? Muss nicht sein. Per UMTS-Handy holt sich der Freizeitler am Schwenker das Bild der Überwachungskamera auf das Handy-Display: Entweder wird dann via Handy-Knopfdruck die Tür geöffnet oder sie bleibt zu.

Szenenwechsel: Familie Becker macht Urlaub auf Teneriffa. Zuhause klingelts. Per UMTS-Handy sehen die Urlauber, wer vor der Tür steht. Ist es etwa der Paketbote, kann man ihn von der Urlaubsterrasse aus via Handy bitten, das Paket beim Nachbarn abzugeben. Auch unerwünschter Besuch ist so zu orten. Das ist nur eine der vielen Möglichkeiten einer völlig neuen Software, die der Saarbrücker Informatik-Professor Philipp Slusallek (Foto: Rau) mit seinen Experten in sechs Jahre langer Arbeit entwickelt hat. Ihr Name: „Netzwerk-Integrierte Multimedia Middleware“ (NMM).

Die Software ermöglicht die drahtlose Verknüpfung aller Multimedia-Geräte von der HiFi-Anlage, dem Fernsehgerät bis zum UMTS-Handy oder PDS in Haus und Hof. „Aus unserem letztjährigen Cebit-Auftritt am Saar-Forschungsstand wuchs daraus das kleine Unternehmen Motoma in Saarbrücken, das sich um die Vermarktung kümmert“, sagt Slusallek. Gegründet haben Motama Slusalleks Mitarbeiter Marco Lohse und Philipp Repplinger.

Der Hintergrund: Immer mehr Multimedia-Geräte verfügen jedes für sich über ausgereifte Netzwerk-Schnittstellen. Bisherige Versuche, alles „unter einen Hut“ zu bekommen, scheiterten an den unterschiedlichen und nicht verträglichen Technologien. „Bisher fehle die Möglichkeit, einfach auf die im Netzwerk verfügbaren Geräte und deren Fähigkeiten zuzugreifen“, sagt Marco Lohse. Mit der neuen Software von der Saarbrücker Uni „wird jetzt erstmals eine Technologie angeboten, mit der unterschiedliche Geräte einfach und sicher vernetzt werden können – im Heimnetzwerk und darüber hinaus“, so Lohse. Zum Beispiel greift das Handy auf den CD-oder Video-Spieler zu und überträgt Bild und Ton ins ganze Haus gleichzeitig. Industrielle Interessenten waren nach der Cebit 2005 in Saarbrücken. Noch steht der kommerzielle Start aus. Für Slusallek ist der Durchbruch sicher. Als Open-Source-Lösung (Linux) kann NMM getestet werden.

Hannover. Das von Bundeskanzlerin Angelika Merkel (CDU) bei der Eröffnung der Cebit angekündigte Spitzentreffen von Vertretern der Informationstechnologie(IT)-Branche für diesen Sommer muss zu konkreten Folgen führen. „Nur reden reicht nicht, es muss etwas passieren, damit Deutschland in der IT nicht noch weiter zurückfällt“, sagte Professor August-Wilhelm Scheer, Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender der IDS Scheer AG, des größten und börsennotierten saarländischen IT-Unternehmens, der Saarbrücker Zeitung auf der Cebit. „Ich rechne damit, dass ich auch beim Gipfel dabei sein werde“, sagte Scher, einer der erfolgreichsten saarländischen Unternehmensgründer.

Auch das angekündigte Sechs-Milliarden-Euro-Programm für die IT-Branche verpuffe, wenn sich die Investitionen („Geld war auch früher schon da“) nicht in Arbeitsplätzen niederschlügen, sagte Scheer. Er forderte die Akteure auf, „die gesamte Kette der Wertschöpfung“ zu sehen: Die reiche von der Forschung über die Anwendung bis zu neuen Unternehmen. Deutschland sieht Scheer mittlerweile weit abgehängt. „Die deutschen Weltmarktführer kann man heute an einer Hand abzählen.“ Es gebe hier zu wenig hoch qualifizierte IT-Arbeitsplätze. Deshalb sei auch die niedrige Zahl von 15000 Informatikern, die jährlich die Universitäten verlassen, nicht verwunderlich. „Was nutzt es, sie auf Staatskosten auszubilden, wenn sie hinterher keinen Arbeitsplatz finden?“ ur

Mit freundlicher Genehmigung der Saarbrücker Zeitung

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